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Muss man Zwillinge anders erziehen ?
2004-07-08, von Sigrun Rux
 Sigrun Rux
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Die meisten Eltern erziehen ihre Kinder intuitiv „richtig“, und das ist bei Zwillingen nicht anders, daher sollte man gar nicht erst versuchen, fixe Regeln für die „Zwillingserziehung“ aufzustellen. Situationen, die im Zwillingsalltag zu Problemen führen, sind von verschiedenen Umständen abhängig und sollten daher flexibel gehandhabt werden. Anstatt nach einheitlichen Lehrsätzen zu suchen, wie man Zwillingskinder erziehen soll, ist es viel wichtiger, jedes Kind für sich zu beobachten und auf die speziellen Bedürfnisse jedes einzelnen einzugehen. Natürlich erschwert die Situation, dass zwei gleichaltrige Kinder nebeneinander aufwachsen, manchmal, individuelle Unterschiede zu machen, aber sobald die Kinder ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und ihre Wünsche deutlich ausdrücken können, ergibt es sich ja von selbst, dass auch Zwillinge unterschiedlich behandelt werden.

Besonderheiten in der Erziehung von Zwillingskindern

Die Gefahr, beide Kinder in der Erziehung in einen Topf zu werfen, ist sehr groß. Eltern sollten sich daher bemühen, jedes Kind einzeln anzusprechen und die Pluralform in allgemeinen zu vermeiden. Die meisten Eltern berichten, dass es bei Zwillingskindern schwieriger ist als bei „Einlingen“, sie zurechtzuweisen, denn der oder die Einzelne fühlt sich oft gar nicht direkt angesprochen. Das macht es für Mütter, die oft den ganzen Tag allein mit ihren Kindern verbringen nicht gerade einfach. Aber versetzen Sie sich einmal in die Situation von Zwillingen. Vom ersten Tag an verbringen die beiden mehr Zeit miteinander als mit irgendeinem anderen Menschen. Egal ob eineiig oder zweieiig - eine enge Verbundenheit zwischen Zwillingsgeschwistern ist im Kleinkind – und Kindergartenalter fast immer stark ausgeprägt.

Nach dem Prinzip „Zusammen sind wir stark“ behaupten sich Zwillinge gerne gegenüber ihrer Umwelt. Ich sehe das als unvergleichbaren Vorteil, der Zwillingen in die Wiege gelegt wird, auch wenn es für mich selbst oft sehr anstrengend ist, mich gegen meine - oft recht willensstarken - Kinder durchzusetzen. Dazu kommt noch, dass die beiden mit „Strafen“ oder Zurechtweisungen viel unbekümmerter umgehen, denn sie haben ja einander und gehen daher kein allzu großes Risiko ein, wenn die Mama einmal böse ist. Einige Eltern von älteren Zwillingen erzählten mir, dass sie nach einigen Versuchen ihre Kinder halbwegs stressfrei zu erziehen, die Erfahrung gemacht hätten, dass ein gewisses Maß an Disziplin helfen kann, spätere Probleme in den Griff zu bekommen.

Wogegen fast alle Eltern und auch später Kindergärtnerinnen und Lehrer machtlos sind, ist das betonte gemeinsame Auftreten von Zwillingen, besonders wenn es von „unmöglichem“ Benehmen begleitet ist. Bei Mädchen ist das häufiger zu beobachten als bei Buben. Ob sie nun durch freche Bemerkungen oder lautes Kichern auffallen, zu zweit sind sie kaum zur Raison zu bringen, diese Erfahrungen machen vor allem Eltern von Zwillingen im Schulalter, ganz besonders von pubertierenden Zwillingen. Bei Buben macht sich zwar nicht immer so eine ausgeprägte Innigkeit bemerkbar, ihre Stärke steckt mehr im gemeinsam verursachten Lärmpegel oder wilden Raufereien.

Auch Zwillinge haben’s schwer

Eine Situation, die für die Zwillinge zu einem Problem werden kann, ist eine zu starke Abhängigkeit voneinander. Bei Zwillingen dominiert fast immer ein Kind. Solange sich derjenige, der häufiger nachgibt, nicht unterdrückt fühlt, ist gegen eine solche Rollenverteilung auch nichts einzuwenden. Nur wenn der Nachgiebige offensichtlich unter der Situation leidet und sich nicht von selbst wehrt, sollten Eltern eingreifen, indem Sie das Kind bestärken und ermutigen. Es besteht sonst die Gefahr, dass sich das schwächere Kind immer wieder von anderen ausnutzen lässt.

Die Frage, ob es ratsam ist, Zwillinge im Kindergarten oder in der Schule zu trennen, sollten Eltern aus der ganz persönlichen Situation heraus entscheiden. Es gibt einiges, was dafür und anderes, was dagegen spricht, aber sicher keine fixen Regeln. Wenn mich Eltern danach fragen, gebe ich ihnen folgenden Tipp: Beobachten Sie ihre Kinder. Solange nicht ein Kind total im Schatten des anderen steht, lassen Sie sie die Vorteile des gemeinsamen Auftretens genießen. Für die meisten Kinder ist es ohnehin schwer genug, sich in einer neuen Gruppe erstmals ohne die Mutter zu orientieren.

Abschließend noch ein Überblick über die bedeutendsten Besonderheiten bei der Erziehung von Zwillingen:

  • Die Gefahr, beide Kinder in der Erziehung in einen Topf zu werfen, ist sehr groß. Bemühen Sie sich, jedes Kind einzeln anzusprechen oder überhaupt einmal eines zur Seite zu nehmen, um ihm allein etwas zu sagen.
  • Bemühen Sie sich fair und gleichzeitig konsequent zu sein
  • Nehmen Sie sich folgenden Leitspruch zu Herzen:“ Tue nichts für die Kinder, was sie nicht selbst tun könnten.“ Das fördert die Selbständigkeit und das Selbstvertrauen der Kinder und erleichtert Ihnen das tägliche Leben
  • Es ist bei Zwillingskindern schwieriger als bei einzelnen Kindern, sie zurechtzuweisen. Sie fühlen sich oft nicht wirklich angesprochen, wenn man mit beiden gleichzeitig schimpft. Außerdem reagieren sie nicht so auf Bestrafungen und Liebesentzug, weil sie ja immer zu zweit sind. Ein gewisses Maß an Disziplin ist daher notwendig, um die Zwillinge – vor allem später – in den Griff zu bekommen
  • Wenn ein Kind dominiert, bestärken und fördern Sie das andere
  • Wenn Zwillingskinder streiten, sollte man sich genauso verhalten, wie man es bei „normalen“ Geschwistern tun würde – nur den Satz: „Du bist doch der (die) Ältere...“ müssen Sie aus Ihrem Repertoire streichen
Mehr zu diesem Thema finden Sie unter „Zwillinge und Ihre Identität“

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